Diesen deutschen Fernsehfilm habe ich mir zu Beginn nur aus Voyeurismus angeguckt – er handelt von einer christlichen Sekte und einem jungen Mädchen (Nathalie), das mit ihren Sekten-Eltern von der Provinz nach Berlin zieht. Dort entdeckt sie – nicht unüblich für Berlin – Schritt für Schritt das sogenannte wahre Leben. Von den üblichen Klischees, die man von so einer Konstellation erwartet, finden sich in „Delphinsommer” jedoch so gut wie gar keine. Das ist erstaunlich. Im Gegenteil, alles macht einen ziemlich ungeschminkten Eindruck. Nathalies Verachtung für die freie Welt (Klassenkameraden, Klamotten, Kosmetik usw.) kann man gut nachvollziehen; genau wie ihre spätere Verzweiflung. Das gilt auch für die anderen Charaktere: Niemand wird dämonisiert, trotzdem ist alles durchzogen von einer kühlen, omnipräsenten Grausamkeit. Für Nathalie endet der Film einigermaßen glücklich – ihre Freundin, die ein bisschen mutiger ist als sie, bringt sich nach der knappen Hälfte um.
Die Dialoge wirken an manchen Stellen etwas holzschnittartig – doch ich habe mich gefragt, ob das der Grund ist, warum man sie manchmal am liebsten vorspulen würde (oder wenigstens eine Pause einlegen; dummerweise gibt es auf 3Sat immer noch keine Werbeunterbrechungen). Denn es besteht immerhin die Möglichkeit, dass man tatsächlich
berührt wurde – unangenehm berührt, versteht sich. Aber auch damit hätte man eigentlich nicht mehr gerechnet.
Die Sekte wird im Lauf des Films vor allem entzaubert; sie erweist sich mehr und mehr nicht nur als kleinlich-repressiv, sondern vor allem als kitschig und banal (sie schwankt sozusagen zwischen Behörde, Inquisition und Kegelverein).
Obwohl man es im Prinzip besser weiß, erscheint die liberale Welt im Gegensatz dazu eher fröhlich und unschuldig: ins Kino gehen, die Zuneigung zum anderen Geschlecht, die zeitgenössische Literatur (auch wenn letztere etwas plakativ durch das Werk des Jugend-Wichsers
Benjamin Lebert repräsentiert wird). Umso unnötiger und weltfremder wirken darum Nathalies Peinigungen und der religiöse Zirkus, der sie umgibt. „Auch in den Wolkenkratzern der Städte lebt neben dem zwanzigsten Jahrhundert heute noch das zehnte oder dreizehnte” (Trotzki). Das Ausmaß an Irritationen und Leid ist beträchtlich.
Dargestellt wird das Ganze ebenso realistisch wie unprätentiös wie todtraurig; fotografiert in einer spröden Null-Ästhetik, wie man sie etwa vom „Tatort” kennt. Eine Mischung aus Beklemmung und Ekel begleitet einen durch den Film; bei den Worten „Wille des Herrn” oder „Fehlbarkeit der menschlichen Natur” bekommt man Lust, ins Bad zu gehen und sich den Finger in den Hals zu stecken. Und dennoch: Auch die brutalen Gralswächter der Sekte sind letztlich nur einsame, unsicher ins Leben geworfene Kreaturen, Feinde einer Welt, in der sie als nurmehr lächerlich-tragische Totalitaristen eine absurde Schattenexistenz führen.
Der Film erweckt die romantische Illusion, dass die Jugend in der Lage ist, daraus zu entkommen; ein leiser, zärtlicher Appell für die Freiheit. Ein nicht brillanter, aber vielleicht gerade deshalb wirklich bemerkenswerter Film; ein Drama im besten Sinne des Wortes. Heute (18. 2.) kommt die Wiederholung, die ich ganz sicher weder anschauen noch aufzeichnen werde.
T. H.